
Pflege artenarmer Grassäume: Auf den Schnitt kommt es an!
Wegraine sind wertvolle Lebensadern für die Natur. Doch um ihre biologische Vielfalt zu erhalten und zu fördern, müssen sie richtig gepflegt werden. Ein artenarmer Grassaum lässt sich durch gezielte, fachgerechte Maßnahmen in ein blühendes Paradies verwandeln.
Das Missverständnis „Brut- und Setzzeit“: Warum zu spätes Mähen die Artenvielfalt erstickt
Oft hören wir das Argument: „Wir dürfen erst nach dem 15. Juli mähen, wenn die Brut- und Setzzeit vorbei ist.“ Was gut gemeint ist, erweist sich in der Praxis artenarmer Grassäume leider als schwerer Fehler für die Artenvielfalt. Hier muss man rechtlich und biologisch genau differenzieren:
-
Das rechtliche Missverständnis: Die gesetzliche Brut- und Setzzeit (1. April bis 15. Juli in Niedersachsen) stammt aus dem Wald- und Landschaftsgesetz (NWaldLG). Sie regelt primär die Leinenpflicht für Hunde, um Wildtiere vor Beunruhigung zu schützen. Für die Pflege von Wegrändern greift hingegen das Bundesnaturschutzgesetz (§ 39 BNatSchG). Dieses verbietet zwar das radikale Abschneiden von Rainen im Sommer, nimmt aber die bestimmungsgemäße und schonende Pflege von Feld- und Wegrainen ausdrücklich von den Sommer-Verboten aus. Kommunen und Landwirte dürfen also pflegen – wenn sie es richtig machen.
-
Das biologische Problem bei zu spätem Schnitt: Wartet man mit der Mahd artenarmer, wüchsiger Raine pauschal bis Ende Juli oder August, führt das zu einer massiven Vergrasung. Das dominante Gras verholzt, bricht zusammen und bildet eine dichte, dunkle Filzschicht. Junge Wildblumenkeimlinge haben darunter keine Chance, an Licht und Luft zu kommen – sie ersticken. Zudem sind die Nährstoffe im Spätsommer bereits wieder aus den grünen Pflanzenteilen in die Wurzeln und den Boden gewandert.
Die wissenschaftliche Lösung: Langjährige Untersuchungen der Hochschule Anhalt
(siehe Fachvortrag der Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau Sachsen-Anhalt)
belegen eindeutig: Auf produktiven, artenarmen Standorten ist ein gezielter, früher erster Schnitt von Mitte Mai bis Anfang Juni der einzig wirksame Schlüssel, um die dominanten Gräser zurückzudrängen. Die Studien zeigen, dass sich blütenreiche Wildkräuter bei einer Juni-Mahd hinsichtlich Artenzahl und Deckung signifikant besser entwickeln als bei einer späten Mahd im September. Zudem ist dieser frühe Pflegeschnitt bei fachgerechter Umsetzung aus Vogelschutzsicht vorteilhafter als ein Schnitt mitten in der Hauptbrutzeit im Hochsommer.
Aushagerung ist das Ziel
Unsere Wegränder leiden unter einem massiven Nährstoffeintrag (z. B. durch Düngemitteldrift oder Stickstoffeinträge aus der Luft). Dominante, stickstoffliebende Pflanzen wie bestimmte Gräser, Brennnesseln oder Ackerkratzdisteln überwuchern alles.
Nur durch eine konsequente Mahdgutabtragung (das Abfahren des Schnittguts) genau dann, wenn die Pflanzen voll im Saft stehen (Mai/Juni), entziehen wir dem Boden überschüssige Nährstoffe. Das bremst die dominanten Gräser aus und schafft erst den nötigen Licht- und Lebensraum, damit seltene, konkurrenzschwache Wildblumen keimen, austreiben und für eine artenreiche Spätblüte sorgen können.
Die richtige Technik: Mahd statt Mulchen
Für den Erfolg der Pflege ist das Wie genauso entscheidend wie das Wann:
-
Schonung der Fauna – Kein Schlegeln! Wir lehnen das sogenannte „Schlegeln“ (Zerschnetzeln des Aufwuchses) konsequent ab. Die enorme Sog- und Schredderwirkung tötet Insekten, Raupen und Amphibien direkt auf der Fläche. Stattdessen setzen wir uns für schonende, schneidende Mähtechniken (z. B. mit Messerbalken) und eine Schnitthöhe von mindestens 10 bis 14 cm ein. Dies bietet der Bodenfauna einen wirksamen Schutzraum und schont die Tierwelt auch bei einem frühen Schnitt.
-
Erstickung vermeiden (Kein reines Mulchen): Das reine Mulchen (Liegenlassen des zerkleinerten Materials) hinterlässt eine dichte, verrottende Schicht. Diese führt zu einer extremen Überdüngung („Mulcheffekt“) und erstickt junge Wildblumenkeimlinge im Keim. Das Mähgut muss runter von der Fläche!
-
Staffelung nutzen: Optimal ist es, die Wegseiten versetzt zu mähen (z. B. mit 8 Wochen Abstand) oder immer 10 bis 20 % als Altgrasstreifen für überwinternde Insekten komplett stehenzulassen.
Ein großes Problem in der Praxis: Hundekot & Unrat
Unsere ökologische Pflege stößt vor Ort leider viel zu oft an vermeidbare, menschliche Grenzen. Stark verunreinigte Wegraine durch Müll, Plastik und Hundekot machen eine sinnvolle Verwertung des Schnittguts nahezu unmöglich:
-
Infektionsgefahr für Nutztiere: Verunreinigtes Material darf unter keinen Umständen als Tierfutter (z. B. Heu oder Silage) verwendet werden. Hundekot kann gefährliche Erreger (wie Neospora caninum) übertragen, die bei Rindern zu Fehlgeburten führen, und bedroht die Gesundheit landwirtschaftlicher Nutztiere schwer.
-
Kostenfalle für die Gemeinde: Da das Material durch Unrat oft nicht mehr energetisch oder landwirtschaftlich verwertet werden kann, entstehen hohe Entsorgungskosten für die thermische Beseitigung. Dies erschwert die naturnahe Pflege durch den kommunalen Bauhof finanziell massiv.
Helfen Sie mit!
Bitte halten Sie die Wegraine bei Ihren Spaziergängen sauber und nutzen Sie für Hundekot die bereitgestellten Stationen. Nur ein abfall- und kotfreier Rain kann ordnungsgemäß gemäht, abgetragen und sinnvoll verwertet werden.
Helfen Sie uns, die Wegränder sauber zu halten – damit sie als buntes Buffet für Wildbienen, Insekten und die Tierwelt im Schaumburger Land erhalten bleiben!

